Auswerten (IPERKA)
1. Wozu dient die Auswertungsphase?
Die Auswertungsphase ist die letzte Phase von IPERKA und gleichzeitig die am häufigsten vernachlässigte. Dabei ist sie entscheidend: Wer nicht auswertet, lernt nicht. Wer nicht lernt, macht dieselben Fehler im nächsten Projekt erneut.
Ziel der Auswertung ist nicht die Suche nach Schuldigen, sondern das strukturierte Lernen aus Erfahrung, für das Team, die Organisation und künftige Projekte.
2. Warum wird die Auswertung oft übersprungen?
Das ist kein Zufall. Häufige Gründe sind:
- Zeitdruck: Das nächste Projekt wartet bereits und niemand will Zeit in bereits Abgeschlossenes investieren.
- Erleichterung: Man ist froh, dass es vorbei ist, und will nicht nochmals zurückschauen.
- Unangenehme Wahrheiten: Eine ehrliche Auswertung zeigt Fehler auf, die manche lieber verdrängen.
- Fehlende Routine: Wenn Auswertungen nicht zur Projektkultur gehören, fühlen sie sich aufgesetzt an.
- Unklarer Nutzen: Die Frage „Was bringt das jetzt noch?" kommt häufig.
Genau deshalb muss die Auswertung geplant und strukturiert sein, nicht dem Zufall überlassen.
3. Methoden der Auswertung
Retrospektive
Die Retrospektive ist die bekannteste Methode zur strukturierten Teamreflexion. Sie stammt ursprünglich aus der agilen Softwareentwicklung (Scrum) und findet am Ende eines Projekts oder Sprints statt.
Ablauf in fünf Schritten:
- Set the Stage: Offene, sichere Atmosphäre schaffen und das Ziel klären.
- Gather Data: Fakten sammeln. Was ist passiert?
- Generate Insights: Warum ist es so gelaufen? Muster erkennen.
- Decide What to Do: Konkrete Massnahmen ableiten und priorisieren.
- Close the Retrospective: Abschliessen und Massnahmen festhalten.
Typische Leitfragen:
- Was ist gut gelaufen?
- Was hätte besser laufen können?
- Was haben wir gelernt?
- Was machen wir im nächsten Projekt anders?
Persönliche Reflexion
Neben der Teamretrospektive ist die individuelle Reflexion wertvoll. Jedes Teammitglied beantwortet für sich:
- Was habe ich persönlich zum Projekterfolg beigetragen?
- Wo habe ich Mühe gehabt und warum?
- Was nehme ich für meine persönliche Entwicklung mit?
- Was würde ich beim nächsten Mal anders angehen?
Die persönliche Reflexion fliesst idealerweise in den persönlichen Teil der Projektdokumentation ein.
Feedback einholen
Feedback von aussen bringt eine Perspektive, die das Team selbst nicht hat.
| Quelle | Methode |
|---|---|
| Auftraggeber, Kunde | Abschlussgespräch, strukturiertes Interview |
| Lehrperson, Vorgesetzte | Mündliches oder schriftliches Feedback |
| Teammitglieder untereinander | 360° Feedback |
| Externe Nutzer | Usability-Test, kurze Umfrage |
Beim Feedbackgespräch gilt: konkrete Fragen stellen statt allgemeine, aktiv zuhören ohne sich zu rechtfertigen und das Feedback schriftlich festhalten. Wichtig ist auch, zwischen Meinung und Tatsache zu unterscheiden.
Umfragen
Für grössere Projekte oder wenn viele Personen befragt werden sollen, eignen sich strukturierte Umfragen. Verbreitete Tools sind Google Forms, Microsoft Forms oder Typeform. Je nach Ziel und Vertrauensbasis können Umfragen anonym oder namentlich gestaltet werden. Eine Mischung aus geschlossenen und offenen Fragen liefert sowohl messbare Werte als auch qualitative Einschätzungen.
Beispielfragen für eine Projektabschlussumfrage:
- Wie zufrieden waren Sie mit dem Projektergebnis? (1 bis 5)
- Was hat Ihnen besonders gut gefallen?
- Was hätte verbessert werden können?
- Würden Sie wieder mit uns zusammenarbeiten?
Lessons Learned
Lessons Learned ist die dokumentierte Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt, positiv wie negativ. Sie ist kein Protokoll, sondern eine Wissensdatenbank für künftige Projekte.
| Bereich | Was lief gut? | Was lief schlecht? | Massnahme für nächstes Mal |
|---|---|---|---|
| Planung | GANTT half bei Terminkontrolle | Pufferzeiten zu knapp | Mind. 20% Puffer einplanen |
| Kommunikation | Wöchentliche Updates waren hilfreich | Entscheidungen nicht dokumentiert | Entscheidungsprotokoll führen |
| Qualität | Abnahme lief reibungslos | Testphase zu kurz | Testphase separat einplanen |
4. Der langfristige Nutzen der Auswertung
Wer konsequent auswertet, profitiert auf mehreren Ebenen.
Für das Team stärkt gemeinsames Lernen den Zusammenhalt. Probleme werden offen angesprochen statt verdrängt, und Stärken werden bewusst wahrgenommen.
Für das nächste Projekt werden Fehler nicht wiederholt, bewährte Methoden systematisch weitergeführt und Aufwandschätzungen realistischer.
Für die persönliche Entwicklung ist Reflexion eine Schlüsselkompetenz in jedem Beruf. Wer sich selbst einschätzen kann, entwickelt sich schneller weiter. Kritikfähigkeit und Lernbereitschaft sind gefragte Eigenschaften im Berufsalltag.
Die beste Retrospektive ist wertlos, wenn die Erkenntnisse nicht ins nächste Projekt einfliessen. Massnahmen müssen festgehalten, kommuniziert und überprüft werden.